random insanity

Eine Großstadt bei Nacht. Verschwommene Konturen von leuchtenden Anzeigetafeln, die um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlen, bestimmen das Szenario. Und mittendrin: Ich. Alleine in der Masse an Menschen die an mir vorbeizieht. Sie alle scheinen ein Ziel zu haben, ich nicht. Dadurch scheint jedweder Weg von vornherein sinnlos. Die Füße bewegen sich, einer setzt sich vor den anderen, mehr ein Automatismus als alles andere; sie sind gewohnt zu laufen, also laufen sie. Auf beiden Straßenseiten: Discos, Clubs und ähnliche Orte an denen man den grauen Alltag für wenigstens eine Nacht hinter sich lassen kann. Sie alle sind gefüllt mit Menschen. Menschen, die ich noch nie gesehen habe. Menschen, die ich nicht ausstehen kann, obwohl ich sie nicht kenne. Es beginnt zu donnern, kurz darauf zu regnen. Unentschlossen wäge ich ab: Das grelle Flackern, das aus der Tür einer Disco dringt, wirkt alles andere als einladend aber der plötzliche Wolkenbruch lässt mir keine Wahl. Am Türsteher vorbei, schließlich bin ich nicht gerade schlecht angezogen, direkt in den Hexenkessel.

Die abgestandene, schon mehrfach gebrauchte Luft schlägt mir wie eine Wand entgegen. Mit dem Vorschlaghammer des Willens reiße ich sie ein und überwinde mich dazu, weiter in die Menschenmasse vorzudringen. Von überall her zuckende Gliedmaßen die sich scheinbar unbeholfen zur Musik zu bewegen versuchen. Ein Spießrutenlauf durch einen Parcours von menschlichen Abgründen. Ich muss nur aufpassen in keinen hineinzufallen, niemandem in die Augen zu sehen, bloß nicht auffallen. Ich suche bloß Schutz vor den Gezeiten, ich gehöre hier nicht hin, will es auch gar nicht. Halbherzig stehe ich nun am Rande der Tanzfläche und sehe mich um. Um nicht ganz so hilflos da zu stehen und um etwas zu haben, an dem ich mich festhalten kann, schlendere ich zur Bar und bestelle ein Bier. Zaghaft daran nippend lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Ich weiß selbst nicht genau warum ich so hart über diese Menschen urteile, sie von vornherein verdamme und in Schubladen stecke. Vielleicht wegen schlechter Erfahrungen die ich irgendwann einmal glaubte gemacht zu haben. Dass ich nicht wie sie bin scheint allerdings sehr augenscheinlich. De facto weiß ich zwar weder wie sie sind, geschweige wie ich selbst zu betrachten bin, aber es ist klar, dass es eklatante Unterschiede gibt. Als ich, wieder dem alten Automatismus folgend, die Tanzfläche umrunde, stellt sich mir eine junge Frau in den Weg. Sie mag wohl ungefähr mein Alter haben, höchstens 2 Jahre mehr. Bevor ich meinen Mund öffnen oder sonst wie reagieren kann, legt sie mit auffordernden Blicken ihre Arme um meinen Nacken und beginnt zu tanzen. beinahe gemächlich drängt sie sich dabei immer dichter an mich. Ich versuche mir gleichzeitig einzureden, dass ich kein Problem mit Intimität habe und sie dezent von mir weg zu schieben. Dabei sieht sie nicht einmal schlecht aus, tatsächlich fiele sie genau in die Kategorie, die ich als „mein Typ“ bezeichnen würde. wäre da nicht… Ihre ganze Art, die Plumpheit ihrer Handlungen, all das spricht zwar etwas animalisches, tief in mir an, aber mein Verstand muss sich beherrschen, sich nicht vor Ekel zu übergeben. Dieses Mädchen strahlt auf ganz banale Weise Sex aus. Ich weiß, dass wenn ich jetzt ihre Signale auf irgendeine Art und Weise erwidere, es keinen Zweifel bezüglich meines Aufenthaltsortes in dieser Nacht geben wird. Aber das ist nicht was ich will, nein. Bemüht, meine Angewidertheit zu verbergen, winde ich mich aus ihrem Griff und fliehe in den Nebenraum, eine Art Lounge.

Das Gehämmer der Musik erklingt hier gedämpfter, wie durch eine Wand aus Watte. Missmutig lasse ich mich in einen freien Sessel fallen. Erst jetzt werde ich mir meiner Umgebung bewusst, denn als ich vorhin versuchte, dem eisernen Griff der lüsternen Tänzerin zu entkommen, war mir egal wohin ich mich bewegte, Hauptsache weg. Jetzt bemerke ich, dass sich in diesem Raum fast ausnahmslos Pärchen befinden, die sich eng umschlungen je einen großen Sessel teilen. Alle Sessel sind derartig belegt, alle bis auf zwei. Auf einem hatte ich mich gerade niedergelassen, der andere ist von einem Mädchen besetzt, das seinen Kopf wegen meines raschen Eintretens in meine Richtung gedreht hat. Ich schaue zurück, unsere Blicke treffen sich. Was ich ihn ihren Augen sehe ist… eine Art stille Tapferkeit, als ob sie endlose Schmerzen hätte ertragen müssen aber doch nie wirklich die Hoffnung aufgegeben hätte, dass alles einmal enden würde. Nur ein kurzer Augenblick, dann senkt sie ihren Blick wieder, um monoton an die Wand zu starren, als ob sie einen inneren Kampf ausfechten würde. Aber dieser kleine Moment hat mir gereicht. Ich verspüre, nun, Angst wäre zu viel gesagt, aber ein gewisses Unwohlsein bei dem Gedanken, noch einmal in die Tiefen dieser Augen zu blicken. Die Idee, eventuell noch mehr sehen zu können macht mich zugleich nervös und neugierig. Der Kampf scheint zu einem Ende gekommen zu sein, denn noch bevor ich mir Gedanken darüber machen kann, ob ich sie vielleicht ansprechen sollte, steht sie auf und geht. Mit Schrecken muss ich feststellen, dass sie sich in meine Richtung bewegt. Sie muss fast den ganzen Raum durchqueren um zu mir zu gelangen und in dieser Zeit mustere ich sie intensiv.

Die Art, wie sie läuft, wie sie sich bewegt scheint nicht hierher zu passen, genauso wenig wie ich. Sie schwebt regelrecht durch den Raum, eine stille Aura von Stolz um sich herum, jedoch kein bisschen arrogant. Als sie vor mir steht öffne ich meinen Mund, finde allerdings nichts Intelligentes oder Sinnvolles zu sagen und schließe ihn gleich darauf wieder. Doch auch diese Entscheidung nimmt sie mir ab. Ob ich Feuer hätte, fragt sie. Wortlos zünde ich die mir dargebotene Zigarette an. Ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie sich zu mir setzt. Immer noch stumm, versuche ich mit einer vagen Geste meine Zustimmung zu symbolisieren. Als sie sich neben mich setzt bleibt mein Blick unfreiwillig an ihrem Glimmstängel hängen. Sie bemerkt es und drückt die gerade erst angesteckte Zigarette mit einem verlegenen Lächeln in dem Aschenbecher auf der Sessellehne aus. Leicht verwirrt nehme ich mir erstmalig Zeit sie etwas genauer zu betrachten. Ihr dunkelblondes, schulterlanges Haar trägt sie offen, in einem, was ich einen modischen Stufenschnitt nennen würde. Ich versuche ihren Augen auszuweichen während ich den Rest ihres Gesichts untersuche. Irgendwie fällt es mir schwer ihr Alter zu schätzen, sie könnte Mitte 20 oder auch gerade erst an der Grenze zur Volljährigkeit sein. Ihre Figur gibt auch keinen Aufschluss darüber: Sie wirkt fraulich, aber nicht auf die Holzhammer-Art der wollüstigen Tänzerin von eben, eher auf eine zierliche Weise, die sie auf schwer zu beschreibende Art etwas verloren und hilflos wirken lässt. Zigarettenrauch senkt sich wie eine bleierne Decke über uns. Ich möchte etwas sagen um diesen besonderen Moment zu würdigen aber ich finde keine Worte. Ich verliere mich in ihren Augen, keine klaren Bergseen oder was man sonst so in irgendwelchen Kitsch-Romanen liest. Sie sind braun wie die eines Rehs, untermalen ihre sanfte Art nur noch mehr. Und doch finde ich etwas Forderndes, Suchendes in ihnen, ihre blicke scheinen mich von oben bis unten zu durchleuchten, als wären sie auf der Suche nach etwas ganz Bestimmtem. So sitzen wir da, ineinander vertieft, keiner spricht ein Wort. Soweit ich es beurteilen kann schauen wir beide auf gewisse Weise erwartungsvoll, doch niemand wagt das Schweigen zu brechen. Die Welt um uns herum ist bedeutungslos; Minuten, Stunden, Tage vergehen wie es scheint. Da dringt ein kleines Detail an den letzten kleinen, rational denkenden Teil meines Verstandes: Die Musik, die aus dem Nebenraum dringt, verändert sich, wird monotoner, lauter, der Rhythmus aggressiver. Das Etablissement scheint bald schließen zu wollen und die Leute unauffällig dazu bewegen zu wollen von sich aus zu gehen. Mir bleibt nicht mehr viel Zeit um zu handeln. Wenn ich doch nur wüsste, was handeln bedeutet, was ich tun soll damit es nicht einfach vorbei ist sobald der Club schließt. Die ganze Situation hat sich bisher so außergewöhnlich richtig angefühlt (ich finde kein besseres Wort dafür). So etwas lässt jeden darüber nachdenken, ob es nicht eventuell so etwas wie Schicksal geben kann. Etwas an ihrem Gesicht ändert sich, meine Augen fokussieren sich wieder komplett auf sie, ich werde mir bewusst, dass ich wohl schon längere Zeit gedankenverloren an ihr vorbeigestarrt haben muss. Verlegen blicke ich sie wieder an, sie lächelt. Allein dieses kleine Zeichen der Freude ihrerseits löst ein warmes Kribbeln in mir aus, ich komme nicht umhin mich gut zu fühlen und lächle zurück. Obwohl sie mich bereits angesprochen hatte, weiß ich nicht mehr wie ihre Stimme klingt, die Frage die sie stellte war nur Mittel zum Zweck gewesen, es ist als hätte sie nie existiert. Ich möchte wissen, wer sie ist, aber wie kann ich das herausfinden? Durch Worte? Fragen kann ich sie nach ihrem Namen, ihren Interessen und Lebensdetails. Aber ich spüre, dass mehr hinter ihr steckt, dass sich in ihrer Gesellschaft ein seltsames Gefühl von Vertrautheit verbirgt. Plötzlich steht sie auf und entfernt sich einige Schritte von mir. Bevor meine Überraschung in kaltes Entsetzen umschlagen kann, dreht sie sich zu mir und bedeutet mir mit einer neckischen Kopfbewegung ihr zu folgen. Ich erhebe mich ebenfalls, breit ihr aus dem muffigen Raum zu folgen. Ihre helle Figur zeichnet sich klar vom Türrahmen und dem dahinter liegenden, dunkleren Raum ab. Sie tritt durch die Tür. Schritte, eine Gruppe drängt sich zwischen mich und sie als ich ihr zu folgen versuche, die Menge verschluckt sie.

Hilflos bleibe ich stehen, sehe mich um. Ich durchforste den Club, nirgends ein Zeichen. Erst überlege ich Leute zu fragen, ob sie sie vielleicht gesehen haben, doch je länger ich darüber nachdenke, desto schmerzlicher wird mir bewusst, dass ich sie nicht einmal beschreiben könnte. Sie war einfach wunderschön, das weiß ich. Aber das hilft mir jetzt nicht weiter. Ich beschließe draußen zu warten, damit ich sie beim Verlassen des Clubs abfangen kann. Schließlich muss sie ja durch den Ausgang, oder? Und wenn sie bereits gegangen ist? Unsinn. Sie wird auch nach dir suchen, bestimmt. Bestimmt… Nach 2 Stunden im Regen und einer Stunde, die das Etablissement schon geschlossen hat, mache ich mich frustriert auf den Heimweg. Ich fühle mich ganz einfach leer. Die vermeintliche Chance deines Lebens, ein Mensch wie du, das hast du doch gespürt, rede ich mir ein. Sie war etwas Besonderes, definitiv. Es stimmt zwar, dass man jemand nicht zwingend lange kennen muss um ihn gut zu kennen, aber das war trotz alledem eine Ausnahme. Irgendwie bezweifle ich, dass ich jemals wieder eine solche Person treffen kann. Dabei kann ich mir betreffend gar nichts sicher sein. Fand sie mich überhaupt auch nett? Ging ihr Gefühl auch so tief wie meines aber hat sie es genau wie ich nicht sofort gezeigt? War das nicht alles nur ein Traum? Ich schätze die Antwort auf letztere Frage hätte keinerlei Bedeutung für mich. So oder so, ich stehe mit leeren Händen vor dem Nichts. Schlurfenden Schrittes trete ich den Heimweg an…